«Das Israelbild in Schweizer Medien»

19.11.11

Gespräch mit Martin Woker, Neue Zürcher Zeitung und Claudia Kühner, Tages-Anzeiger, moderiert durch Yves Kugelmann, «tachles»


Die Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI national) führt jeweils im Herbst eine so genannte Sektionenkonferenz durch, bei der aktuelle Themen aufgegriffen, Überlegungen angestellt und strategische Ziele diskutiert, aber keine Beschlüsse gefasst werden.

Am 13. November 2011 hatte sie zu einem Gespräch zum Thema «Das Israel-Bild in Schweizer Medien»
- Martin Woker, Leiter des Ressorts Ausland der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), und
- Claudia Kühner, freie Mitarbeiterin des Tages-Anzeigers (TA)
eingeladen. Moderiert wurde die Diskussion durch
- Yves Kugelmann, Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins «tachles»

Hier der Bericht von Peter Abelin, Redaktion «tachles», erschienen in der Ausgabe Nr. 46 vom 18. November 2011:


Unter scharfer Beobachtung

Kein Land verfolge die Berichterstattung der Medien so genau wie Israel und ihm nahestehende Organisationen. Dies erklärten Martin Woker, «Neue Zürcher Zeitung», und Claudia Kühner, «Tages-Anzeiger», übereinstimmend an einer Sektionenkonferenz der Gesellschaft Schweiz-Israel in Bern.

Dem «Israel-Bild in Schweizer Medien» war die Tagung gewidmet, zu der sich gut zwei Dutzend Vertreterinnen und Vertreter der Sektionen der Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI) am Sonntag in Bern trafen. Befragt von tachles-Chefredaktor Yves Kugelmann, schilderten Martin Woker, Chef der Auslandredaktion bei der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ), und Claudia Kühner, Nahostspezialistin beim «Tages-Anzeiger» (TA), zunächst die unterschiedliche Arbeitsweise ihrer Blätter: Während die NZZ versucht, «die Welt als Ganzes darzustellen», wobei sie sich weitgehend auf eigene Korrespondenten stützt, setzt der TA aktuelle Schwerpunkte und teilt die Korrespondenten teilweise mit der «Süddeutschen Zeitung».


Eine gewisse Ermüdung

Einig waren sich die beiden darin, dass für die Nahost-Frage dieselben Massstäbe gälten wie für alle anderen Bereiche. Unterschiede gebe es aber bei den Reaktionen: Bei kaum einem anderen Thema seien diese so emotional, und bei keinem anderen Land seien sie seitens der Botschaft oder ihm nahestehender Organisationen so zahlreich wie bei Israel. «Man muss eine dicke Haut entwickeln», meinte Martin Woker, dem vor allem der gelegentlich geäusserte Antisemitismusvorwurf zu schaffen mache. Auf Leserbriefe angesprochen, lautete die einhellige Antwort, diese würden – sofern sie keine persönlichen Beleidigungen enthielten – im Verhältnis ihres Eingangs berücksichtigt. Allerdings seien die Einsendungen zur Nahost-Frage stark zurückgegangen, ebenso wie die Einschaltquoten beim Fernsehen. Offenbar herrsche da bei der Leserschaft eine gewisse Ermüdung, sagte Claudia Kühner, die gleichzeitig das Gewicht von Leser-Einsendungen relativierte: «Wir arbeiten nach bestem Wissen und Gewissen und nicht dem Leser nach dem Mund.»
In der sachlich geführten Diskussion mit den GSI-Exponenten wurden namentlich Wortwahl und Titelgebung hinterfragt: Geht es um Geiseln oder um Gefangene? Um israelische oder jüdische Siedlungen? Um Terroristen oder Freiheitskämpfer? Um Reaktion oder Ursache? Martin Woker gestand ein, dass man sich «der sprachprägenden Verantwortung der Medien nicht immer bewusst» sei. Seine Kollegin bekannte sich zu einer Sprach-Verantwortung. So sollten «politisch aufgeladene Begriffe» entweder bewusst eingesetzt oder dann ganz weggelassen werden – dies gelte wiederum für jedes Thema.


Ein breiteres Israel-Bild vermitteln

Er orientiere sich bei der Kommentierung an den Grundsätzen des Völkerrechts, sagte der ehemalige IKRK-Delegierte Martin Woker auf eine entsprechende Frage, während Claudia Kühner erklärte, sie versuche aufgrund ihrer Kenntnisse, die «Plausibilität der Argumente» zu werten. Auf die Frage von GSI-Präsidentin Vreni Müller-Hemmi, weshalb die Schuld am Stillstand bei den Verhandlungen einseitig Israel zugeordnet werde, antwortete der NZZ-Auslandchef mit dem Hinweis auf den steten Ausbau der Siedlungen: «Da verstehe ich, dass die Palästinenser nicht an den Verhandlungstisch wollen.»
Wenn er mehr Platz zur Verfügung hätte, würde er gerne mehr Berichte aus Israel publizieren, die sich nicht um den Nahost-Konflikt drehten, meinte Woker – etwa die Immigration oder den Städtebau. Damit traf er sich mit dem Schlusswort von Vreni Müller-Hemmi, welche die GSI als Lobby-Organisation bezeichnete, die «ein breites Israel-Bild vermitteln» wolle und «kein Organ der israelischen Regierung» sei.

«Unter scharfer Beobachtung», tachles Nr. 46, 18.11.2011









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