Emotionale Bindung, nicht staatsbürgerliche

29.08.17

Zionismus und jüdische Identität
Gastkommentar von Herbert Winter

Neue Zürcher Zeitung, 29.8.2017

 

Als Theodor Herzl vor 120 Jahren in Basel den ersten Zionistenkongress organisierte und so den Grundstein für die Gründung Israels legte, reagierten die Schweizer Juden typisch schweizerisch: Man war nicht dafür. Man war aber auch nicht dagegen. Man war neutral.

Spätestens nach der Shoah ist die Neutralität einer grossen Sympathie für den Zionismus und Solidarität mit Israel gewichen. Heute unterstützen die Schweizer Juden nahezu aus-nahmslos die Idee des Zionismus, dass Juden einen eigenen Staat haben sollen. Die Meinun-gen zur aktuellen Politik Israels gehen jedoch weit auseinander.

Doch damals wie heute wurden und werden wir Schweizer Juden immer wieder mit dem Vorwurf der doppelten Loyalität konfrontiert. Das Missverständnis, dass Schweizer Juden keine «richtigen» Schweizer seien, ist relativ weit verbreitet. «Ihr habt wieder schöne ‹Läm-pen› daheim», sagte einmal ein Bekannter zu mir, als sich der Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern gerade wieder zuspitzte. Mit «daheim» meinte mein Bekannter nicht etwa Zürich, wo ich mit meiner Familie lebe, sondern Israel. Doch daheim bin ich in der Schweiz.

Letztes Jahr wurde ich eingeladen, an einer Bundesfeier die 1.-August-Rede zu halten. Mich hat das sehr berührt und stolz gemacht. In meiner Rede habe ich dargelegt, warum es gute Gründe gibt, den 1. August zu feiern: Wer sein Land mitgestalten will, hat hier die Möglich-keit dazu – unabhängig von der Religion. Und die Schweiz ist heute ein Land, in dem sich jeder Mensch entfalten und in Freiheit und Recht leben und gleichzeitig seine Identität wah-ren kann.
Natürlich haben jüdische Schweizer in der Regel ein engeres Verhältnis zu Israel als nicht-jüdische. Wegen dieser Verbundenheit ist das 120-Jahre-Jubiläum des ersten Zionistenkon-gresses für uns Juden ein Grund zum Feiern. Ich sehe aber in der schweizerisch-jüdischen Solidarität mit Israel überhaupt kein Problem. Denn wir Schweizer Juden sind natürlich den-noch ganz normale Bürger dieses Landes, mit allen Rechten und Pflichten wie alle anderen Bürger. Das war nicht immer so. Erst seit 1866 sind Juden gleichberechtigt. Doch heute sind wir integraler Bestandteil dieses Landes und gestalten es mit.

Nur weil ich mich mit Israel verbunden fühle, bin ich deswegen kein schlechterer Schweizer Bürger. In der Schweiz stimme ich ab, nehme an Wahlen teil, beteilige mich an politischen und gesellschaftlichen Diskursen, übernehme Verantwortung als Bürger und habe nicht zu-letzt Militärdienst geleistet. Wir Schweizer Juden sind für die schweizerische, nicht aber für die israelische Politik mitverantwortlich.

Wer dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund böse Briefe schreibt, weil er Israel hasst – wir erhalten leider oft solche Briefe –, der hat etwas falsch verstanden.
Die Verbundenheit mit Israel ist für mich eine emotionale Angelegenheit und keine staats-bürgerliche. Eine Beziehung, in der es mehr um Gefühle und weniger um Rechte und Pflich-ten geht. Ich bin stolz darauf, dass Juden 1948, nach 2000 Jahren der Verfolgung und Ver-treibung, einen eigenen Staat gegründet haben.
Einen Staat, der «all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung» garantiert, wie schon die Unabhängigkeitserklä-rung von 1948 festhält.

Israel ist umgeben von feindlichen Ländern, die mit Angriffskriegen schon mehrfach ver-sucht haben, den jüdischen Staat auszulöschen. Israel wird bis heute immer wieder von Ter-rorattacken durchgeschüttelt. Trotzdem ist das Land eine offene Gesellschaft und ein demo-kratischer Rechtsstaat geblieben. Heute ist Israel zudem eines der innovativsten Länder überhaupt, ein weiterer Grund, auf den jüdischen Staat stolz zu sein.

Doch es ist nicht nur Stolz, der mich mit Israel verbindet. Die Angst vor Verfolgung ist im Laufe der Jahrtausende Teil der jüdischen Identität geworden. Auch wenn ich mich in der Schweiz wohl fühle und es für mich undenkbar ist, dass Juden hierzulande eines Tages ver-folgt werden, bin ich froh, dass es mit Israel einen sicheren Hafen für Juden gibt. Wie fast alle Schweizer Juden und wie schon Theodor Herzl betrachte ich den Staat Israel als uner-lässliche Basis für das Überleben des jüdischen Volkes.

Konfrontiert mit dem Vorwurf der doppelten Loyalität, hat Sigi Feigel, die vor einigen Jah-ren verstorbene bekannte jüdische Persönlichkeit, einmal gesagt, die Schweiz sei sein Vater-land und Israel sein Mutterland. Schöner lässt sich das nicht ausdrücken. Dieses Bild macht klar: Nur weil die Schweizer Juden auch mit ihrem Mutterland verbunden sind, sind sie nicht weniger mit ihrem Vaterland verbunden.


Herbert Winter ist Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) und Vizepräsident des World Jewish Congress.


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