Kino-Tipp: «Through The Wall»

18.05.17

Gewitztes Kino aus Israel: Nur noch 30 Tage bis zur Hochzeit, aber kein Bräutigam in Sicht

Luzern:           Ab Donnerstag, 18. Mai, im Kino Bourbaki
Übrige Städte: Siehe Kinoanzeigen in der Tagespresse

Neue Zürcher Zeitung, Mittwoch, 17. Mai 2017


Luzerner Zeitung, Mittwoch, 17. Mai 2017

Sie glaubt an die Liebe

Tragikkomödie - Israel hat 8,4 Millionen Einwohner. Fast gleich viele wie die Schweiz. (*  Das Land investiert nur halb so viel in die Filmförderung wie Bern, hat aber mit Heimmarktanteilen von 10 bis 12 Prozent mehr als doppelt so viel Erfolg wie Schweizer Filme. Zudem ist es auf A-Festivals gut vertreten und gewinnt Preise.

Was machen israelische Filmemacher besser als hiesige? Nein, wir kommen jetzt nicht mit dem «In Krisenregionen entsteht die vitalere Kunst»-Argument. Wir schauen es nüchtern dramaturgisch an: In israelischen Filmen steht mehr auf dem Spiel; sie drehen sich um existenzielle Fragen, die alle etwas angehen. Das trifft sogar auf Komödien wie «Through The Wall» zu. Rama Burshtein, die 1964 in New York zur Welt kam und während des Filmstudiums in Jerusalem zur orthodoxen Jüdin wurde, geht der Frage nach, ob der Glaube den Menschen in Krisen hilft oder ihnen nicht eher im Weg steht.

Gott wird ihr schon den Richtigen schicken

Michal, 32, freut sich auf ihre Hochzeit. Doch einen Monat vor dem grossen Fest bekommt ihr Verlobter kalte Füsse und verlässt sie. Aber die orthodoxe Jüdin will nicht zurück ins Single-Leben. Sie vertraut darauf, dass Gott ihr den Richtigen schickt – und mietet ein Hochzeitslokal, versendet Einladungen, kauft sich ein Brautkleid.

Die Regisseurin fokussiert auf Hoffen und Bangen ihrer Protagonistin, die sie immer wieder in fast unangenehmen Nahaufnahmen einfängt. Sie zeigt aber auch die Reaktionen von deren Umfeld: So schämt sich die säkulare Mutter für ihre Tochter, während Michals religiöse WG-Kollegin ihr durch das Aufbieten möglicher Ehemänner aus der Patsche zu helfen versucht. Rama Burshtein lässt die knallbunte Bonbon-Welt a la Almodóvar auf die gestrenge Schwarz-Weiss-Welt der Orthodoxen prallen und entwirft wie beiläufig ein Sittenbild der israelischen Gesellschaft. Da sie Filme für ein gläubiges Publikum dreht, bleibt «Through The Wall» versöhnlich. Er ist aber dank dem existenziellen Thema viel spannender als das Gros der dramaturgischen Schweizer Schwachstrom-Produktionen.
Christian Jungen (kultur(at)luzernerzeitung.ch)

*) Trifft nicht mehr zu, Israel hat mittlerweile mehr Einwohner als die Schweiz. Israel zählte am 2. Mai 2017 (Unabhängigkeitstag) 8.68 Mio. Einwohner, die Schweiz Ende 2016 8.42 Mio;
Anmerkung des Webredaktors


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